Versorgung trotz Widerstand: Das geplante PAIS-Zentrum in Wien

Die Planungen für das Zentrum für postakute Infektionssyndrome sind weitgehend abgeschlossen. In der Einrichtung sollen Menschen mit Long Covid, anderen postviralen Erkrankungen und ME/CFS diagnostiziert und behandelt werden. Hinter den Kulissen gibt es heftige Diskussionen darüber, ob ME/CFS eine eigenständige Erkrankung ist.

Versorgung trotz Widerstand: Das geplante PAIS-Zentrum in Wien

Anfang nächsten Jahres – im ersten Quartal 2027 – soll es losgehen. Dann wird das Behandlungszentrum für postakute Infektionssyndrome (PAIS) in Wien starten. Das Budget dafür wurde beschlossen, über den Mietvertrag für ein Objekt im dritten Bezirk wird noch verhandelt. Auf 1600 Quadratmetern – so die Planungen – werden mehr als zwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – Ärztinnen und Ärzte, aber auch Personen aus anderen Gesundheitsberufen und der Sozialarbeit – tätig sein. Derzeit rechnet die Stadt Wien damit, dass in der Einrichtung rund 5000 Patientinnen und Patienten pro Jahr eine Diagnose und eine Therapie bekommen werden. Gegen Widerstände aus der „Fachwelt“ hat man sich für das Zentrum entschieden, das hat Gesundheitsstadtrat Peter Hacker von der SPÖ schon im Oktober bei der Ankündigung des regionalen Strukturplans Gesundheit erklärt. Bei einer Podiumsdiskussion an der MedUni Wien mit den Leiterinnen des Nationalen Referenzzentrums für postvirale Syndrome und anderen Expertinnen hat Otto Rafetseder vom Wiener Gesundheitsfonds im April weitere Einblicke in die Diskussion hinter den Kulissen gegeben.

Heikel wird es schon beim Namen des Zentrums. Rafetseder – der Koordinator der Wiener Zielsteuerung, die die Gesundheitsversorgung für die Stadt plant – möchte lieber von einem Kompetenz- statt einem Behandlungszentrum sprechen, eine kausale Behandlung für diese Erkrankungen gebe es ja (noch) nicht. Allerdings werden im neuen Zentrum durchaus auch Therapien angeboten oder verordnet werden. Auch mobile Angebote und Telemedizin für Patientinnen und Patienten, die zu krank sind, um ins Zentrum zu kommen, seien vorgesehen. Bewusstsein gibt es seitens der Stadt dafür, dass viele Menschen, die an postakuten Infektionssyndromen erkrankt sind, nicht die sozialen Leistungen bekommen, die sie bräuchten, etwa Pflegegeld oder eine Berufsunfähigkeitspension bzw. das befristete Rehageld. „Das Kernstück von so einem Kompetenzzentrum ist, dass die Menschen, die hier betroffen sind, eine Diagnose bekommen, die dann hält“, erklärt Rafetseder. Die Begutachtungen beim AMS oder der PVA spricht er dabei direkt an.

„Keine Krankheit, sondern ein Zustand“

Er stellt auch klar, dass das Zentrum auch Menschen offenstehen wird, die an der schweren chronischen Krankheit ME/CFS leiden. Postakute Infektionssyndrome umfassen auch ME/CFS „unserer Wahrnehmung nach zumindest. Da gibt’s ja unterschiedliche Auslegungen, da gibt’s eine Bundesarbeitsgruppe, da wird das heftig bestritten“, sagt Rafetseder. Er bezieht sich dabei offenbar auf die Arbeitsgruppe, die von der Bundes-Zielsteuerungskommission eingerichtet wurde, jenem Gremium, wo Bund, Länder und Sozialversicherungen die österreichweite Gesundheitsversorgung planen. Dort wird gerade über die Umsetzung des Aktionsplans PAIS diskutiert, der wie es aktuell aus dem Ministerium heißt, als „fachliche Grundlage“ erhalten bleiben soll. Ende Juni soll es einen entsprechenden Beschluss geben, mit rund eineinhalb Jahren Verzögerung. Präsentiert wurde der Aktionsplan bereits im November 2024. Er war von Expertinnen und Experten, Ländern und Sozialversicherungen und mit Einbindung der Betroffenen erarbeitet worden.

Doch heftig umstritten ist die Frage, ob es eigene Behandlungsstellen für PAIS und ME/CFS braucht, auch in Wien, auch das wurde bei der Podiumsdiskussion deutlich. Laut Rafetseders Beobachtung gibt es bei ME/CFS „durchaus in der Ärzt:innenschaft auch im Wiener Gesundheitsverbund WIGEV viele, die sagen, das ist keine Krankheit, das ist ein Zustand. Dann werden sehr oft psychische Überlagerungen genannt“, also dass psychische Faktoren die Symptome entweder auslösen oder die Ursache dafür sind, dass körperliche Symptome nach einer Infektion andauern.  Man gehe – zitiert Rafetseder Stadtrat Peter Hacker – mit dem Kompetenzzentrum also durchaus ein Risiko ein. „Wir machen jetzt was, weil wir da einen Bedarf sehen“ und man nicht abwarten kann „bis das ausdiskutiert ist“, weil es erkrankte Menschen gibt, die im öffentlichen Gesundheitssystem jetzt schlecht versorgt sind.

Nutzen statt Risiko

Im letzten Punkt besteht am Podium jedenfalls Einigkeit. Das Risiko, dass das Kompetenzzentrum nicht ausgelastet sein könnte, sehen die beiden Leiterinnen des Nationalen Referenzzentrums für postvirale Syndrome Kathryn Hoffmann und Eva Untersmayr-Elsenhuber allerdings nicht. Alle Ärzt:innen, aber etwa auch Pflegekräfte oder Physio- oder Ergotherapeut:innen, die sich bereits auf ME/CFS spezialisiert haben, haben monate- bis jahrelange Wartelisten, sagt Kathryn Hoffmann. Den wirtschaftlichen Schaden von Long Covid hat unlängst eine OECD-Studie auf 0,1 bis 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt, also zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro pro Jahr allein in Österreich, ergänzt Eva Untersmayr-Elsenhuber.

Damit ist Long Covid eine der chronischen Krankheiten mit den größten wirtschaftlichen Auswirkungen in den EU-Staaten, heißt es in der OECD-Studie, und die vorliegenden Berechnungen würden die Folgen wahrscheinlich eher noch unterschätzen. Die größte Belastung für die Wirtschaft sind laut der Studie nicht die zusätzlichen Ausgaben für das Gesundheitssystem, sondern dass Menschen wegen der Erkrankung oder der Pflege ihrer Angehörigen nicht mehr arbeiten können. Es sei durchaus legitim zu sagen, so Kathryn Hoffmann, dass sich die Stadt Wien mit dem Zentrum auch selbst etwas Gutes tut. Wer das Zentrum leiten wird, steht noch nicht fest. Allerdings so Rafetseder: „Man wird jemanden damit betrauen, der das dann auch mit vollem Herzen macht und vorantreibt.“

 

Foto: Claudio Schwarz / unsplash.com

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